ERZIEHUNG

Teilen:

DEFINITION

Erziehung im BDSM beschreibt die einvernehmliche Vermittlung, Einübung oder Durchsetzung bestimmter Verhaltensweisen, Rollen, Regeln oder Rituale innerhalb einer dominanzgeprägten Dynamik. Sie dient dazu, gewünschte Eigenschaften zu fördern, Rollen zu vertiefen oder eine stabile D/s-Struktur aufzubauen — stets auf Basis klarer Zustimmung und Kommunikation.

Erziehung im BDSM ist ein bewusst gestalteter Prozess, durch den der dominante Part (z. B. Dom, Domina, Master, Owner) bestimmte Verhaltensweisen, Haltungen oder Rollen von der submissiven Person fördern, trainieren oder festigen möchte. Anders als im Alltag ist diese Form der Erziehung kein Akt realer Autorität, sondern ein einvernehmliches Mittel, um Rollenbilder, Machtgefälle, Dynamiken und Szenenstrukturen im BDSM zu vertiefen.

Dieser Prozess kann spielerisch, strukturiert, ritualisiert oder streng sein — je nach Persönlichkeit, Beziehung und vereinbarten Zielen. Erziehung umfasst dabei häufig:

  • Regeln: Alltag, Verhalten, Kommunikation, Körperhaltung

  • Rituale: Begrüßungsformen, Präsentationspositionen, Aufgaben

  • Training: Gehorsam, Disziplin, Hingabe, bestimmte Techniken

  • Verstärkung: Lob, Anerkennung, Bestätigung

  • Konsequenzen: symbolische Strafen, klare Grenzen

  • Rollenbildung: Verinnerlichung der D/s-Dynamik

Erziehung ist psychologisch stark wirksam:
Sie verbindet die submissive Person mit ihrer Rolle, erzeugt Geborgenheit, Orientierung, Struktur oder das Gefühl des „Geführtwerdens“. Für dominante Personen kann sie Ausdruck von Verantwortung, Führung, Einflussnahme oder Fürsorge sein.

Viele BDSM-Dynamiken nutzen Erziehung als Grundbaustein — sowohl in 24/7-Konstellationen, als auch in situativen Partnerschaften oder einzelnen Sessions.

Typische Ziele einer BDSM-Erziehung sind:

  • Vertiefung der submissiven Rolle

  • Aufbau von Disziplin oder Hingabe

  • Etablierung ritueller Abläufe

  • Einfügen von Struktur in die Dynamik

  • emotionale Führung und Bindung

  • Klarheit und Stabilität im Machtgefälle

  • Entwicklung bestimmter Fähigkeiten (z. B. Servicerituale, Fesselpositionen)

Wichtig ist:
Eine BDSM-Erziehung ist kein Machtmissbrauch, sondern ein abgesprochener, freiwilliger Prozess. Sie funktioniert nur im Rahmen eines sicheren, vertrauensvollen Verhältnisses und basiert nicht auf Strenge allein, sondern auf Struktur, Anerkennung und emotionaler Stabilität.

Auf der Suche nach gleichgesinnten oder weiterführenden Austausch?

PRINZIPIEN

  • SSC – Safe, Sane, Consensual: Erziehung muss einvernehmlich, sicher und klar strukturiert sein.

  • RACK – Risk Aware Consensual Kink: Bewusstheit über psychische Wirkung ist entscheidend.

  • Dauerhafter Konsens: Regeln sind nur gültig, solange beide zustimmen.

  • Transparenz & Rollenverständnis: Ziel, Bedeutung und Grenzen der Erziehung müssen offen sein.

  • Verantwortung des Dominanten: Führung bedeutet Fürsorge, kein Machtmissbrauch.

  • Reflexion: Regeln und Abläufe müssen regelmäßig überprüft werden.

  • Aftercare: Besonders wichtig nach strengen oder emotionsgeladenen Erziehungssituationen.

RISIKEN

BDSM-Erziehung ist psychologisch wirksam. Risiken entstehen vor allem, wenn Rahmen, Kommunikation oder emotionale Stabilität fehlen.

Mögliche Risiken:

  • psychische Überforderung durch zu strenge oder zu viele Regeln

  • Abhängigkeit, wenn eine Person zu viel Orientierung über die Dynamik bezieht

  • Machtmissbrauch, wenn Regeln einseitig gegen die Bedürfnisse der Sub eingesetzt werden

  • schwindender Selbstwert, wenn Erziehung nur aus Kritik oder Strafen besteht

  • emotionale Erschöpfung, besonders in 24/7-Dynamiken

  • Unklarheit über Grenzen oder Anpassungsbedarf

Was Erziehung niemals sein darf:

  • Demütigung ohne Zustimmung

  • Kontrolle über das echte Privatleben gegen den Willen der Sub

  • Bestrafung als Manipulation

  • Durchsetzen persönlicher Lebensinteressen ohne vorherige Absprache

Sichere Erziehung braucht immer:

  • Safeword

  • offene Kommunikation

  • regelmäßige Check-ins

  • klare Begrenzung der Verantwortungsbereiche

  • emotionales Gleichgewicht auf beiden Seiten

NOTWENDIGE AUSRÜSTUNG

Erziehung kann unterschiedliche Tools beinhalten:

  • Regel- und Ritualmaterial:

    • schriftliche Regeln / Verträge

    • Aufgabenlisten

    • Journals oder Sub-Tagebuch

    • Kommunikationsguides

  • Symbolische Gegenstände:

    • Halsband / Collar

    • Armbänder, Ketten, Markierungssymbole

  • Hilfsmittel für Training:

    • Timer

    • Apps oder Listen

    • Übungsanweisungen

    • Positionierungskissen

  • Hilfsmittel für Konsequenzen:

    • symbolische Strafutensilien (leicht, ritualisiert)

    • Entzug von Privilegien (rituell, abgesprochen)

  • Aftercare-Ausrüstung:

    • Decke

    • Wasser

    • positiver Rückzugsraum

AUSRÜSTUNG KAUFEN

ANWENDUNGS INFORMATION

Erziehung kann je nach Dynamik sehr unterschiedlich gestaltet werden:

  • Regelerziehung:

    • feste Anredeformen

    • bestimmte Begrüßungen

    • Aufstehen, Knien, Präsentationspositionen

    • Umgangsformen, Verhalten

  • Ritualerziehung:

    • tägliche oder wöchentliche Rituale

    • Aufgabenlisten

    • symbolische Pflichten

  • Praxistraining:

    • Techniken (z. B. Bondagepositionen, Servicetätigkeiten)

    • Gehorsamstraining (z. B. Timing, Pünktlichkeit, Abläufe)

  • Konsequenzen:

    • leichte symbolische Strafen

    • Entzug bestimmter Privilegien

    • längeres Ritual oder zusätzliche Aufgaben

  • Positive Verstärkung:

    • Lob, Bestätigung, Anerkennung

    • Erlaubnisse

    • kleine Gesten oder Zeichen

Eine funktionierende Erziehung erfordert:

  • klare Erwartungen

  • transparente Ziele

  • regelmäßige Rückmeldung

  • respektvolle Kommunikation

  • Anpassung, wenn etwas nicht funktioniert

Erziehung ist niemals einseitig: Beide Seiten tragen Verantwortung, die Dynamik gesund und tragfähig zu halten.

LITERATUR

1. „Das SM-Handbuch“ – Matthias T. J. Grimme
ISBN: 978-3931406011

2. „Die Wahl der Qual“ – Passig & Strübel
ISBN (Original): 978-3499609442
ISBN (Überarbeitet): 978-3499624087

3. Kommunikations- und Beziehungsliteratur (für Langzeit-Dynamiken)


Verwandte Begriffe

  • Disziplin

  • Dominanz

  • Submission

  • Regeln

  • Ritual

  • Ownership

  • 24/7

  • Machtgefälle

  • Aftercare

URSPRUNG

1. Ursprung außerhalb von BDSM: Das deutsche Wort „Erziehung“

Der Begriff ist viele Jahrhunderte alt und stammt aus:

  • Pädagogik

  • Familienstrukturen

  • religiösen Konzepten

  • Sozialisationstheorie

Er bedeutete immer:
Formung eines Menschen durch Anleitung, Regeln, Grenzen, Werte, Befehle, Disziplin und Belohnung.

Dieser Bedeutungsrahmen war schon vollständig vorhanden, bevor BDSM als Begriff existierte.


2. Übergang in erotische Fantasien (18.–20. Jahrhundert)

In der erotischen Literatur taucht der Begriff schon sehr früh auf, aber nicht im heutigen BDSM-Sinn.

Typische Beispiele:

  • „Umerziehung“, „Züchtigung“, „Disziplinierung“ in Marquis de Sades Werken (18. Jh.)

  • Dominante Gouvernanten- und Internatserzählungen des 19. Jh.

  • erotisierte Schul- und Hausdisziplin-Fantasien im frühen 20. Jh.

Hier geht es fast immer um Macht, Kontrolle, Regeln und Sexualisierung von Disziplin.
Das ist die literarische Vorstufe des heutigen BDSM-Begriffs „Erziehung“.


3. Einfluss der frühen SM-/Leather-Szene (1950er–1970er)

In der US-Lederkultur tauchen erstmals Begriffe wie:

  • training

  • correction

  • discipline

Diese Begriffe wurden benutzt für:

  • submissive Ausbildung

  • Verhaltensregeln

  • ritualisierte Machtstrukturen

Das war noch vor dem Begriff „BDSM“ – und es war die Basis für das spätere Konzept der Erziehung im D/s-Kontext.

„Erziehung“ als Wort tauchte dort nicht auf, aber die Funktion – Training – war bereits etabliert.


4. Entstehung des modernen D/s-Konzepts (1980er–1990er)

Als sich BDSM über SSC und RACK theoretisch weiterentwickelte, entstanden neue Begriffe:

  • submissive training

  • slave training

  • behavioral correction

  • protocol training

Diese Begriffe wurden in der Szene sehr schnell übernommen.
Im deutschsprachigen Raum suchte man dafür eine passende Übersetzung.

Die logische Übersetzung war:
„Erziehung“, im Sinne von anerziehen, trainieren, formen.

Damit wurde der Begriff aus der Allgemeinsprache bewusst entliehen, aber neu definiert.


5. Der Begriff im deutschsprachigen BDSM (1990er–2000er)

Mit der Entstehung von:

  • BDSM-Foren

  • Chats

  • Workshops

  • Master/slave-Handbüchern

  • deutschsprachigen Online-Communities

wurde „Erziehung“ ein fester Begriff für:

  • submissive Ausbildung

  • ritualisierte Verhaltenslenkung

  • Macht- und Disziplin-Dynamik

  • Verhaltenstraining in D/s-Beziehungen

  • Regeln und Konsequenzen

Hier entwickelte der Begriff seine heute typische Bedeutung:

„Einvernehmliche, bewusst gestaltete Verhaltensformung innerhalb einer D/s- oder M/s-Dynamik.“

Das unterscheidet ihn vollständig vom pädagogischen oder juristischen Begriff.


Kurz zusammengefasst: Ursprung des Begriffs „Erziehung“ im BDSM

Sprachlicher Ursprung:

Allgemeines deutsches Wort aus Pädagogik und Sozialisation.

Frühe erotisierte Vorläufer:

Disziplin- und Züchtigungsfantasien in Literatur (18.–20. Jh.).

Entwicklung in der SM/Leder-Szene:

„Training“ und „Discipline“ als zentrale Macht- und Lernmodelle (1950er–1970er).

Moderne Übernahme:

D/s-Community der 1990er/2000er übernimmt und übersetzt „training“ → „Erziehung“.

Heute:

Ein zentraler Begriff für einvernehmliche, vertraglich oder dynamisch festgelegte Verhaltensausbildung innerhalb von D/s-, M/s- und 24/7-Strukturen.

VERWANDTE BEGRIFFE

TransparenzHinweis:

Manche Links in diesem Wiki sind Affiliate-Links. Ein Kauf über diese Links kostet dich keinen Cent mehr, hilft aber dabei, unsere Community und die Erstellung neuer Inhalte zu unterstützen. Danke, dass du unser Projekt mitträgst.

Please login to use this feature.

Unser Ziel ist es, Menschen bestmöglich zu unterstützen. Dieses Prinzip bildet die Grundlage unseres Handelns und ist der Schlüssel zum Erfolg – besonders in der Welt von BDSM, Vertrauen und Wachstum.

MENU:

KONTO

Einloggen oder anmelden