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Entführung ist eine rollenspielbasierte BDSM-Praktik, bei der eine Person gegen ihren Willen – scheinbar unfreiwillig, aber tatsächlich einvernehmlich – „entführt“ wird. Dabei handelt es sich um ein inszeniertes Machtspiel, das Fantasien von Kontrollverlust, Angst, Ausgeliefertsein und Dominanz aufgreift. Häufig wird die Entführung mit weiteren Praktiken kombiniert, etwa Fesselung, Verhör, Demütigung, Zwangsszenarien oder erotischer Unterwerfung.
SSC – Safe, Sane, Consensual
Entführungsszenarien müssen besonders „safe“ und klar geplant sein.
RACK – Risk Aware Consensual Kink
Alle Beteiligten kennen die Risiken und stimmen ihnen bewusst zu.
Metakonsens
Gemeinsame Vereinbarung, dass eine „scheinbar nicht-einvernehmliche“ Handlung in Wahrheit einvernehmlich ist.
Informierter Konsens
Zustimmung ist nur gültig, wenn Risiken und Abläufe vorher transparent besprochen wurden.
Safewords / Safesigns
unverzichtbar bei eingeschränkter Bewegungs- oder Kommunikationsfreiheit.
Verantwortungsübernahme
Der dominante Part trägt hohe Verantwortung für Sicherheit, psychische Stabilität und Notfallmanagement.
Rechtliche Risiken: Jede nicht einvernehmliche Handlung wäre strafbar; auch inszenierte Szenen können strafrechtlich relevant werden, wenn Dritte sie für echt halten.
Psychologische Risiken: Trigger, Panik, schlechte Erfahrungen aus der Vergangenheit können aktiviert werden.
Physische Risiken: Fesseln, Tragen, Fixieren oder Transportieren kann bei falscher Technik gefährlich werden.
Öffentlichkeit vermeiden: Außenstehende dürfen niemals den Eindruck einer realen Straftat bekommen.
Kommunikation ist unverzichtbar: Ohne genaue Planung besteht hohes Risiko für Überforderung oder Fehlinterpretationen.
Je nach Szenario können u. a. folgende Hilfsmittel eingesetzt werden:
Fesselmaterial: breite Manschetten, Bondage-Seile, Klettfesseln
Augenbinden / Masken
Leichte Transporthilfen (z. B. Armführung), niemals öffentliche Szenen
Timer / Uhr, um die Dauer zu kontrollieren
Kommunikationsmittel: Handy / Notfallkontakt
Notfallausrüstung: Schere für Bondage, Erste-Hilfe-Set, Wasser, Decke
Vorbereiteter sicherer Raum für das Rollenspiel
Wichtig:
Alle Ausrüstung muss sicher, stabil, körperfreundlich und auf die individuelle Situation abgestimmt sein.
Dauer/Intensität
Kurzszenarien: 10–60 Minuten z. B. im Schlafzimmer oder während einer Session
Längere Spiele: Mehrstündige oder sogar tagesübergreifende „Gefangenhaltung“ – erfordert besonders gründliche Planung
Eignung
Geeignet für: Menschen mit Fantasien über Machtverlust, Zwangsszenarien, Abenteuer oder extremen Kontrollspielen.
Nicht geeignet für: Personen mit Traumaerfahrungen, Angststörungen, hohem Kontrollbedürfnis oder fehlender Erfahrung mit psychologisch forderndem BDSM.
Vorbereitung
Detaillierte Absprache vorab: Zeit, Ort, Inhalte, Grenzen, Tabus, Ausstiegsregeln.
Sicherheitsvereinbarungen: Codewörter, Safe Calls, Rückzugsmöglichkeiten.
Einverständniserklärung (schriftlich oder mündlich): Klare Bestätigung, dass alles freiwillig geschieht.
Kenntnis des sozialen Umfelds: Umversehens realpolizeiliche Reaktionen vermeiden.
Aftercare
Unverzichtbar, da die emotionale Belastung sehr hoch sein kann.
Beruhigung, Erdung, Nähe: z. B. Decke, Getränke, ruhige Musik, einfühlsames Gespräch.
Nachbesprechung: Was war intensiv? Gab es unerwartete Gefühle? Was war schön, was zu viel?
Sicherheitshinweise
Nie in der Öffentlichkeit ohne Absicherung! (z. B. wenn Dritte es beobachten könnten)
Eindeutige Notfallstrategie: z. B. Schlüsselperson, die im Notfall informiert wird.
Keine echten Waffen oder riskante Situationen (z. B. Fesselung im Auto ohne Sicherung)
Klares Stoppsystem (auch nonverbal) bei Fesselung oder Knebelung
Auch wichtig:
Ein Entführungsszenario sollte niemals in der Öffentlichkeit stattfinden oder Außenstehende involvieren, weil dies rechtliche Folgen und realen Notruf auslösen könnte.
Empfohlene Literatur
Der Begriff „Entführung“ im BDSM (oft auch Kidnapping Play oder Abduction Play) ist kein historischer Fachbegriff, sondern ein Szenario-Name, der sich aus drei parallelen Quellen entwickelt hat. Es gibt keinen einzelnen Ursprungspunkt, aber eine gut dokumentierte Entwicklung, die man wie folgt erklären kann:
Ursprung in Fantasien und Rollenspielen – nicht in der Szene selbst
Der Begriff Entführung stammt ursprünglich nicht aus BDSM, sondern aus:
Kriminalromanen
Abenteuerliteratur
Film und Theater
erotischen Fantasien (z. B. „Entführt und verführt“-Narrative)
Menschen haben seit Jahrhunderten Fantasien über Macht, Kontrolle, Ohnmacht, Wehrlosigkeit oder Überwältigung.
In vielen erotischen Romanen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts tauchen solche Szenen auf, lange bevor es moderne BDSM-Sprache gab.
Diese Fantasien wurden später von BDSM-Pionieren aufgegriffen und spielerisch umgesetzt.
Übernahme durch die frühe BDSM-Subkultur (1960er–1980er)
In den frühen US-amerikanischen Leather- und SM-Kreisen entstanden die ersten Rollenspiel-Bezeichnungen, die später zu Standards wurden:
Interrogation Play (Verhörspiel)
Prisoner Play (Gefangenenrolle)
Kidnap Play / Abduction Play (Entführungsspiel)
Hier wurde das Wort „Kidnap“ (engl.) erstmals bewusst als Begriff für ein erotisches Szenario genutzt.
Diese Begriffe waren informell und entstanden organisch in Clubs, Bars und privaten Kreisen.
Sie wurden später in Magazinen und frühen BDSM-Handbüchern erwähnt, z. B. in:
"The Leatherman’s Handbook" (Larry Townsend, 1972)
Publikationen von SM-Zeitschriften (1980er)
Damit wurde der Begriff Teil der BDSM-Fachsprache.
Der deutschsprachige Ausdruck „Entführung“ wird erst in den 1990ern/2000ern üblich
Der Begriff Entführung im BDSM taucht erst auf, nachdem die Szene begann, englische Begriffe zu übersetzen:
Kidnap Play → Entführungs-Rollenspiel → Entführung
In dieser Zeit entstanden die ersten deutschsprachigen BDSM-Foren und Webseiten, und dort setzte sich der Begriff durch.
Bedeutungswandel: Von Fantasie → zu strukturiertem BDSM-Szenario
Mit der Einführung der Consent-Grundsätze (SSC, später RACK) wurde „Entführungsspiel“ klar definiert als:
vollständig einvernehmlich
vorher abgesprochen
mit Safewords
unter klaren Sicherheitsregeln
So wurde aus einer Fantasie ein formalisierter BDSM-Begriff.
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